Cannonau und Grenache: dieselbe Rebsorte, zwei verschiedene Weine
Wer Grenache oder Garnacha trinkt, trinkt bereits Cannonau. Dieselbe Rebe, drei Namen, drei Geschichten. Was sich ändert — und zwar erheblich — ist der Ort, an dem sie wächst.
Sind Cannonau und Grenache wirklich dieselbe Rebsorte?
Ja. DNA-Analysen haben belegt, dass Cannonau, Grenache und Garnacha dieselbe Varietät von Vitis vinifera sind. Der Name wechselt mit der Grenze: Cannonau auf Sardinien, Grenache noir in Frankreich, Garnacha tinta in Spanien, Garnatxa in Katalonien. Im Glas gleichen sie sich jedoch weniger, als die Genetik vermuten lässt — und der Grund ist nicht die Rebe, sondern Boden, Klima und Erziehungsform.
Woher kommt sie dann?
Die überlieferte Version lässt sie während der aragonesischen Herrschaft im 15. und 16. Jahrhundert aus Spanien nach Sardinien kommen. In den letzten Jahren haben archäologische Funde auf Sardinien diese Chronologie wieder geöffnet: an Fundplätzen der Nuragher-Zeit wurden Traubenkerne geborgen, die kultivierten Reben zugeordnet werden und weit vor der Ankunft der Spanier liegen.
Die Frage bleibt offen, eine endgültige Antwort gibt es nicht. Fairerweise: der Weinbau auf Sardinien ist alt und belegt, aber das allein beweist nicht, dass die Rebsorte hier entstanden ist.
Warum ist sardischer Cannonau anders als ein französischer Grenache?
Vier Faktoren, nach Gewicht geordnet.
Der Boden. Ein Großteil Sardiniens ist Granit: karg, wasserdurchlässig, sauer. Die Wurzeln gehen in die Tiefe, die Pflanze kämpft, die Trauben bleiben klein und konzentriert.
Die Temperaturunterschiede. Heiße Tage und kühle Nächte, durch das Zusammenspiel von Meer und Lagen im Inselinneren. Der Zucker reift, ohne dass der Wein Säure und Aromatik vollständig verliert.
Die Buscherziehung. Viele sardische Weinberge sind noch als niedrige Buschreben und nicht als Drahtrahmen erzogen, mit stark begrenzten Erträgen je Pflanze. Weniger Trauben je Pflanze bedeutet mehr Substanz in jeder Beere.
Das Alter der Reben. Auf Sardinien haben alte, teils vorreblausige Weinberge überlebt, die sehr wenig geben und stark konzentrieren.
Das Ergebnis: Cannonau überschreitet 14 Volumenprozent mühelos, zeigt dunklere und reifere Frucht und trägt ein robusteres Tannin als ein Grenache der südlichen Rhône.
Was Sie erwarten können, wenn Sie vom Grenache zum Cannonau wechseln
Im Vergleich zu einem Rhône-Grenache wie Côtes-du-Rhône, Gigondas oder Vacqueyras: weniger Garrigue-Kräuter und mehr mediterrane Macchia, dunklere Frucht, höherer Alkohol, ein weniger scharfes, aber breiteres Tannin. Ein Châteauneuf-du-Pape wirkt vielschichtiger, weil er fast immer eine Cuvée ist, während Cannonau meist reinsortig ausgebaut wird.
Im Vergleich zu einer spanischen Garnacha: die Abfüllungen aus dem Priorat sind durch den Llicorella-Schiefer mineralischer und stränger, jene aus Aragón und Navarra unmittelbarer und fruchtiger. Cannonau liegt strukturell dazwischen, hat aber eine balsamische, salzige Note, die den anderen beiden fehlt.
Zum Ausbau: Grenache oxidiert relativ leicht, weshalb viele Erzeuger ihn verschneiden oder nur kurz ausbauen. Ein Cannonau, der für langen Holzausbau gebaut ist, ist seltener als man annimmt — gerade weil er gesundes, konzentriertes Lesegut und Jahre gebundenen Kapitals verlangt.
Wie man einen gut gemachten Cannonau erkennt
Auf den angegebenen Alkohol achten. Unter 13 Prozent war das Lesegut wahrscheinlich unreif oder die Erträge hoch. Über 15,5 Prozent ohne tragende Struktur wirkt der Wein unharmonisch und heiß.
Nach dem Ausbau fragen. Ein einfacher Cannonau kommt nach wenigen Monaten in den Handel und ist für den jungen Genuss gemacht: legitim, aber ein anderer Wein. Wer Jahre in Holz und Flasche angibt, bindet Kapital — und tut das nur, wenn das Lesegut es rechtfertigt.
Auf die Zone achten. Die Herkunftsbezeichnung Cannonau di Sardegna DOC umfasst die ganze Insel. Die Unterzonen Classico, Oliena und Jerzu bezeichnen engere Gebiete. Die Gallura im Nordosten hat für Rotwein keine Unterzone, teilt aber dieselben Granitböden.
Aggressives Tannin ist ein Warnsignal. Cannonau hat von Natur aus reichlich Tannin. Wenn es nach Jahren des Ausbaus noch kratzt, war das Lesegut nicht reif.
Was er kostet
Industriell erzeugter Cannonau di Sardegna DOC liegt zwischen 8 und 15 Euro: korrekte Weine für den täglichen Genuss. Das Segment kleiner Erzeuger mit Holzausbau bewegt sich zwischen 25 und 50 Euro. Oberhalb von 50 Euro beginnen limitierte Abfüllungen mit langer Reifung, bei denen der Preis eher die Jahre gebundenen Kapitals und die geschlossene Stückzahl abbildet als die Kosten des Leseguts.
Wo Immortale steht
Immortale ist ein Cannonau di Sardegna DOC aus der Gallura, von den Granitböden des Nordostens. Die Cuvée stammt von Önologe Angelo Angioi. Der Ausbau dauert rund sechs Jahre: sechs Monate im Stahltank, dreieinhalb Jahre im Eichenbarrique, zwei Jahre Flaschenreife vor dem Verkauf. Der erste Jahrgang erschien in 2.280 Exemplaren.
Wer vom Grenache kommt, erkennt in ihm einen Verwandten und keinen Fremden: dieselbe Breite am Gaumen, mit mehr Tiefe und einer balsamischen Note, die die Rhône nicht hat.
Abgabe nur an Personen ab 18 Jahren. Immortale Srls · Corso Umberto I, 173 — 07026 Olbia (OT), Italien · USt-IdNr. IT02907200907